Das starke Bedürfnis nach Reduktion ist ein Bündel aus gesellschaftlichen, psychologischen und biologischen Faktoren. Viele Menschen haben das Gefühl, „von allem zu viel“ zu haben, doch der Wunsch entsteht nicht in erster Linie aus Überfluss, sondern aus einem oft damit verbundenen Kontrollverlust, Stress sowie der wachsenden Informationsflut.
Bleiben wir doch beim Essen: Gab es früher bestimmte Lebensmittel auch nur zu bestimmten Jahreszeiten oder aufgrund der hohen Kosten nur am Wochenende – wie etwa Fleisch –, so zeigt der Blick in heutige Supermarktregale: Unser Essen ist permanent verfügbar, oft hochverarbeitet, kalorienreich und günstig. Dazu kommen Dauerreize via Smartphone und Bildschirm, die Lebensmittel bewerben oder Fotos zeigen, was andere gerade essen. Fasten wird als Gegenbewegung damit doppelt attraktiv, denn es ist nicht noch ein Add-on, sondern ein bewusstes Weglassen. Das vermittelt sofortige Entlastung, sowohl körperlich durch weniger Verdauungsarbeit und mental, weil wir so unmittelbar weniger Entscheidungen treffen müssen. Fasten ist ein klarer, einfacher Hebel in Zeiten, in denen vieles komplex und schwer steuerbar wirkt. Fastenregeln sind einfach, liefern eine klare Struktur und vermitteln Selbstwirksamkeit.
Detox bedient auch ein kulturelles Motiv von Reinigung und Neubeginn. Viele Menschen erleben Essen nicht nur als Genuss, sondern auch als potenzielle Quelle ständiger Schuldgefühle, denn neben der Werbung für Schokolode werden wir gleichzeitig mit Gesundheitsinformation überhäuft, die uns klarmacht, dass alles, was wir essen, zu süß, zu fett und zu viel ist. Ernährungs- und Gesundheitsinformationen sind häufig widersprüchlich und teils alarmistisch. Gleichzeitig ist unser Alltag voll von Umweltbelastungen, unsichtbaren Zusatzstoffen, Mikroplastik und Stoffen, die uns nicht guttun, denen wir uns aber schwer durch eigenes Zutun entziehen können.